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01Politik

Die AfD und der Anspruch auf Kollektivstolz

Die AfD fordert einen Kollektivstolz der Deutschen. Doch was bedeutet das für unser Geschichtsverständnis? Ist Stolz über die eigene Nation wirklich der richtige Weg?

Felix Schröder9. Juni 20263 Min. Lesezeit

Es war ein gewöhnlicher Sonntagmorgen, als ich beim Kaffeetrinken durch die Nachrichten scrollte. Dabei stieß ich auf eine leidenschaftliche Debatte über die AfD und ihren Aufruf zu einem "Kollektivstolz". Ein merkwürdiger Begriff, dachte ich. Was bedeutet "Kollektivstolz" eigentlich? Und warum benötigt eine politische Partei diesen Begriff, um sich zu definieren? Ich erinnere mich an einen anderen Begriff, der in den letzten Jahren immer wieder auftaucht: "Kollektivschuld". Ein Begriff, der vor allem seit den Diskussionen um die deutsche Vergangenheit und die Rolle des Nationalsozialismus verstärkt in der öffentlichen Debatte steht. Der Kontrast zwischen diesen beiden Begriffen lässt mich innehalten und über die Mechanismen von Identität, Schuld und Stolz nachdenken.

Die AfD hat sich in den letzten Jahren stark auf eine bestimmte Art von nationaler Identität konzentriert. Ein Teil dieser Identität ist der Stolz auf die eigene Nation, aber was für ein Stolz wird da propagiert? Ein Stolz, der sich von den dunklen Kapiteln unserer Geschichte abzugrenzen scheint, um eine neue Erzählung zu schaffen—eine Erzählung, in der die Deutschen nicht mehr als Täter, sondern als Opfer dargestellt werden. Es gibt einen schmalen Grat zwischen dem, was in der Geschichtsschreibung als Stolz oder Schuld angesehen wird. Zielt die AfD auf eine Umdeutung ab? Ist das Geschichtsverständnis, das sie vermitteln, nicht eine verzerrte Sicht der Dinge? Was bleibt ungesagt, wenn wir uns nur auf den Stolz konzentrieren und die Kämpfe der Vergangenheit ausblenden?

Ich frage mich, wie es in der Gesellschaft aussehen würde, wenn wir uns kollektiv um einen Stolz bemühen, der die kulturellen und historischen Errungenschaften würdigt, ohne die dunklen Kapitel zu ignorieren. Ein Stolz, der Raum für Reflexion schafft. Können wir auf die komplexe Geschichte Deutschlands stolz sein, ohne die Verantwortung für die Taten unserer Vorfahren zu leugnen? Ist es möglich, Stolz mit einer kritischen Auseinandersetzung zu verbinden?

Die Rhetorik der AfD erweckt den Eindruck, dass es eine Entschuldigung für die Vergangenheit nicht mehr braucht. So entsteht eine politisch gefärbte Einfachheit, die die tiefgründigen Diskussionen über Identität und Verantwortung ausklammert. Dabei stellt sich die Frage: Warum ist niemand stolz auf die Bemühungen um Versöhnung und Gedenken? Warum ist der Stolz der AfD nicht in den gesellschaftlichen Errungenschaften verwurzelt, die auf Respekt und Verständnis für die differenzierte Geschichte basieren?

Wenn wir uns die Zeiten des Nationalsozialismus vor Augen führen, ist es zwingend notwendig, die kollektive Verantwortung als Teil unseres Geschichtsbewusstseins zu begreifen. Die AfD scheint sich für eine Identität entschieden zu haben, die den Kern unserer Geschichte ignoriert. Es ist nicht so, dass wir nicht stolz sein dürften auf bestimmte Aspekte der deutschen Geschichte, aber dieser Stolz darf nicht auf Kosten unserer ethnischen und historischen Eigenverantwortung erlangt werden.

Wird der Fokus auf Kollektivstolz nicht vielmehr eine Form der Verdrängung sein? Ein Abwehrmechanismus, der uns vor der Auseinandersetzung mit einer komplizierten Vergangenheit schützen soll? Und was bedeutet das für die Zukünftigen? Ein nationales Gefühl der Überlegenheit und der Abgrenzung kann gefährliche gesellschaftliche Risse verursachen. Gedanken darüber, wie sich der Stolz auf die eigene Idee einer Nation auswirkt, gepaart mit der Frage nach der Verantwortung, bleiben oft ungelöst. Wenn wir das Bild einer Nation aufbauen, in der wir uns kollektiv als „gut“ und „heldenhaft“ einstufen, gibt dies den Rückhalt, den notwendig ist, um kritische Stimmen und abweichende Ansichten zu marginalisieren.

Schließlich bleibt die Frage, wer von diesem Kollektiv profitiert. Der Aufruf zu einem Kollektivstolz könnte als eine Strategie zur Mobilisierung von Wählerstimmen interpretiert werden, die sich nach einheitlicher Identität sehnen. Aber ist diese Identität nicht oft die, die alle, die nicht in das Bild passen, ausschließt? In einer Zeit, in der die Gesellschaft mehr denn je an Diversität und Inklusion interessiert ist, scheint die AfD die Idee einer homogenen Nation zu verkörpern. Was wird aus denjenigen, die nicht auf die schlichte Dichotomie von „wir“ und „die anderen“ passen?

Die Fragen, die sich hier stellen, sind nicht neu, sie durchziehen die Medienberichterstattung, die akademische Debatte und die alltägliche Gespräche. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist zu einem entscheidenden Element für das gegenwärtige und zukünftige Verständis von Identität geworden. Die AfD fordert einen Stolz, der von der Geschichte losgelöst ist. In einer Zeit, in der die Welt nicht nur von einem Mangel an Vertrauen geprägt ist, sondern auch von der Suche nach Zugehörigkeit, ist es auch eine Suche nach den eigenen Wurzeln—und dem, was sie uns über unsere Identität lehren können.

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